Denken wir an Elektronengehirne oder an das Internet, das einem
gigantischen Organismus gleicht. Nach 10.000 Jahren langsamer
Fortentwicklung und 200 Jahren extrem beschleunigtem technischem
Wandel schickt sich das Technium jetzt an, Ansätze von Autonomie zu
entwickeln, eigenen Neigungen nachzugehen und eine Agenda zu
verfolgen. Das Technium ist dabei von der gleichen kosmischen Kraft
getrieben wie die belebte Natur: die Kraft der Selbstorganisation, der
Gegenbewegung zur Entropie, die im Universum waltet.
Entropie, hat das nicht was mit Thermodynamik zu tun?
Kelly: Kurz gesagt bedeutet Entropie, dass der ungeordnetere Zustand
eines Systems der energieärmere und damit der wahrscheinlichere ist.
Aber es gibt sowohl im Großen als auch im Kleinen Inseln der Stabilität,
in denen geordnetere Zustände entstehen und erhalten bleiben. Unsere
Erde mit ihrer Vielfalt an Lebensformen ist einer dieser Orte. Und wir
sehen, wie diese Kraft der Selbstorganisation allmählich auch auf die im
biologischen Sinne unbelebte technische Welt übergreift. In diesem Sinne
würde ich das Technium tatsächlich als das siebte Reich der belebten
Natur betrachten, neben den bekannten sechs Kategorien Pflanzen, Tiere,
Pilze, Bakterien und zwei weiteren Einzellerklassen.
Wie sind Sie denn überhaupt darauf gekommen, in der Technik nach
Spuren von Leben zu suchen? Ihre Affinität zu technischen Gerätschaften
und Gadgets soll ja eher begrenzt sein.
Kelly: Stimmt, ich war in Asien und auf dem anschließenden Rad-Trip
quer durch die Staaten mit einem Minimum an Technik und Ausrüstung
unterwegs. Ich halte mir die Technik immer noch auf Armlänge vom
Leib. Aber ich habe auch gelernt, dass Baumwollkleidung, Kochtöpfe aus
Metall, Aspirin und Telefone phantastische Erfindungen sind, und um
einen Baum zu fällen, gibt es nichts Besseres als eine gute Kettensäge.
Ich war immer auf der Suche nach Werkzeugen, die auch meinen Geist
fordern und voranbringen. ![]()
