Und der Computer war so ein Werkzeug?
Kelly: Ja, kann man sagen. Der Personal Computer zeigte mir abgesehen von seinen praktischen
Seiten auch, dass Technologie nicht zwangsläufig etwas Großindustrielles und Unmenschliches sein
muss, das mit Bulldozern, Beton und Chemikalien daher kommt. Als ich dann Mitte der Achtziger
mit diesem frühen Telekonferenzsystem und Netz-Zugang bei The Well in Berührung kam, aus dem
sich dann eine Art Online-Community entwickelte, machte ich die Entdeckung: Diese
Computernetzwerke waren keine tote und seelenlose Angelegenheit, sie boten wirklich etwas für
Geist und Seele. Und dieses Ökosystem aus Menschen, Chips und Leitungsdrähten hatte etwas
unverkennbar Organisches, das nahezu aus dem Nichts entstand.
Die zunehmende Maschinenmacht ist nicht nur schöne Verheißung. Ihr Denken hat düstere Film-
Visionen wie „Minority Report“ und Matrix“ beeinflusst, und auch in der „Terminator“-Trilogie tobt
der Endkampf zwischen Mensch und Maschine. Gleichzeitig betonen Sie, wir müssten die
Fortentwicklung des Techniums freudig begrüßen?
Kelly: Nun, ich bin kein Utopist, und es ist nicht zu leugnen, dass jede neue Technologie fast so
viele Probleme aufwirft wie sie zu lösen verspricht. Ich sage auch nicht, dass wir auf eine Art
Omega-Punkt zusteuern, an dem dann alles am Optimum anlangt. Aber wenn wir das Leben
bewerten, haben wir den Tod auch immer mit auf der Rechnung. Da gilt doch auch: Leben ist gut,
mehr Leben ist besser, und durch den Tod wird der Wert des Lebens nicht neutralisiert oder auf Null
gesetzt. Wenn uns also beispielsweise die Erfindung eines Hammers in die Lage versetzt, damit
etwas nützliches zu tun oder ihn jemandem über den Schädel zu hauen, erscheint uns das Werkzeug
als solches zunächst als neutral. Bewertet wird dann, was man damit macht. Aber die Tatsache, dass
uns dieser neu erfundene Hammer Wahlmöglichkeiten eröffnet, die wir vorher nicht hatten, neigt die
Waagschale leicht zugunsten der Innovation. Sie bringt mehr Möglichkeiten, mehr Optionen und
damit unterm Strich auch mehr Freiheit. ![]()
