Das ist auch gut so, denn je mehr Auswahl wir haben, desto besser. Und
machen wir uns nichts vor: Auch ohne Anwendung von Gentechnologie
oder Cyborgisierung beschleunigen wir mit der Technologie die
Evolution. Was wir lesen und schreiben verändert ständig die
Schaltkreise in unserem Gehirn, dass wir Suchabfragen an Google
richten statt in Zettelkästen zu kramen und dass wir immer mehr Wissen
in die Cloud auslagern, das alles verändert uns schon heute.
Welche Rolle spielen das Internet und die Digitalisierung in diesem
Zusammenhang?
Kelly: Das Internet ist das Nervensystem der Gesellschaft und verbindet
viele minderintelligente Einzelteile zu etwas weitaus Größerem. Die Zahl
der übers Internet verbundenen Rechner entspricht derzeit etwa der Zahl
der Neuronen und Verknüpfungen in einem einzigen menschlichen
Gehirn. In den nächsten Jahrzehnten wird das Internet die menschliche
Prozessorleistung bei weitem überflügeln. Wir werden dann nicht mehr
die traditionelle Trennung haben zwischen Cyberwelt und Realwelt, das
Internet wird in immer mehr Gegenstände eingebaut sein.
Kleidungsstücke werden Chips tragen und der Waschmaschine die
Anweisung für das richtige Waschprogramm geben. Das Internet ist mit
uns, wo wir gehen und stehen, es wird uns erkennen und wissen, wer
unsere Freunde sind. Und das Internet wird wie ein schwarzes Loch alles
an Daten aufsaugen, was da ist. Kein Bit wird auf Dauer außerhalb der
großen Maschinerie des Internets existieren.
Bleibt die Privatsphäre da nicht völlig auf der Strecke?
Kelly: Ja, Privatheit, so wie wir sie kennen, ist tot. Die Eitelkeit
triumphiert über den Wunsch nach Abschottung der persönlichen Sphäre.
Wo immer wir die Wahl haben, ziehen wir Menschen es vor, uns
mitzuteilen und als Person behandelt zu werden und nicht als anonyme
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